CfP “Gesellschaftliche Wissensvorräte und gesellschaftliche Wissensverteilung unter den Vorzeichen von Transnationalisierung und Globalisierung”

Call for Paper für ein von den Sektionen Wissenssoziologie und Professionssoziologie
verantwortetes Plenum auf dem DGS-Kongress vom 11.-15.10.2010 in Frankfurt a.M.

Jury: Regine Gildemeister (Tübingen) und Hubert Knoblauch (Berlin)

Dass gesellschaftliche Wissensvorräte immer schon komplexen Charakter haben und auf unterschiedlichen Abstraktionsebenen strukturiert sowie sozial ungleich verteilt sind, gehört zu den Kernannahmen der modernen Wissenssoziologie. Eine spezifische Konstitutionsform einer solchen sozial ungleichen Verteilung stellt auch die ‚Nationalform‘ des Wissens dar. Denn die modernen Nationalstaaten fungierten und fungieren seit ihrer Entstehung nicht nur als politische Protagonisten imaginierter Gemeinschaften von als „homogen“ deklarier-ten Bevölkerungen. Sie fungierten und fungieren auch als Entwickler, Träger und Förderer national spezifischer Sonderwissensvorräte, mittels derer sie einerseits ihre Besonderung im internationalen Kontext zu steuern suchen, mit denen sie andererseits im internationalen ökonomischen Wettbewerb um die besseren Platzierungen konkurrieren (bspw. durch Nati-onalstatistik und Wissenschafts- bzw. Wirtschaftsförderung) und je ‚besonderte‘ Formen der soziokulturellen Kollektividentität und -identifizierung pflegen.
Selbstverständlich gibt es lange schon Wissensformen, die von ihrer inneren Konstitution her auf Transnationalisierung und auf ‚Weltgeltung‘ hin angelegt waren und sind. Dazu zählen beispielsweise religiöse Wissenssysteme und Subsinnwelten mit missionarischem Charakter. Dazu zählt das im Kolonialismus eingesetzte Fach- und Expertenwissen von Protagonisten der transnationalen und globalen Ausdehnung abendländischer institutioneller Erfindungen – bis hin zur weltweiten Standardisierung der Lernkulturen, die der Neo-Institutionalismus beschreibt. Und dazu zählen auch die modernen Wissenschaften, die einen entschiedenen Universalitätsanspruch der durch sie hervorgebrachten Wissensbestände vertreten und in ihrer Praxis der Wissensherstellung die Existenz bspw. „lokaler Biologien“ (Margaret Lock) und lokalen Wissens überformt haben. In den vergangenen Jahrzehnten aber haben ver-schiedene Entwicklungen zu einer spezifisch neuen Akzentuierung der Zusammenhänge von Transnationalisierung und Gobalisierung einerseits und von Wissensvorräten und Wissens-verteilungen andererseits beigetragen. Dazu gehören zum einen die immer weiter fortge-schrittenen globalen ökonomischen Verflechtungen und die mit ihnen korrespondierenden internationalen Kontrollinstitutionen, die mit der Entwicklung globalen Wissens über Pro-duktions-, Konsumptions- und Marktprozesse korrelieren. Dazu gehören die globalisierenden Umwelt- und Risikodiskussionen – gegenwärtig allen voran die Diskussion über den globalen Klimawandel. Dazu gehört die mit der Diskussion um den Holocaust entstandene globale Erinnerungskultur. Dazu gehören also ganz allgemein Expertisen im Rekurs auf und in Ausei-nandersetzung mit vor allem professionellen Wissensbeständen. Und dazu gehört schließlich und nicht zuletzt die Herausbildung einer globalen öffentlichen Sphäre, die sich ursprünglich zwar bereits mit Printmedien entwickelt, die mit der Einführung von Massenfernsehen und heute insbesondere auf der Grundlage des Internets und der globalen Kulturindustrien (im Sinne von Arjun Appadurais Konzept der ‚Mediascapes’) aber völlig neue Arenen für die Bil-dung und Prozessierung entsprechender Wissensvorräte hat entstehen lassen.
Schon Ende der 1990er Jahre hat bekanntlich Manuel Castells auf die neue Unmittelbarkeit zwischen Individuen und der netzvermittelt zugänglichen globalen Wissenswelt hingewiesen, in der einerseits transnationale Expertengemeinschaften und Diskursformationen entspre-chende transnationale Wissensvorräte und globale Wissensverteilungen erzeugen, stabilisie-ren und verändern, in der andererseits professionelle Wissensbestände aber zunehmend hinterfragt und kritisiert werden. Ein besonderes Interesse gilt hierbei somit der Frage, wie Prozesse der Transnationalisierung speziell mit professionellen Wissensbeständen bzw. mit auf professionelle Wissensbestände rekurrierenden Diskursen korrespondieren.
Vor dem Hintergrund der skizzierten Prozesse und Dimensionen transnationaler und globaler Wissensvorräte und Wissensverteilungen sollen die zu diesem Plenum erwarteten Beiträge auf theoretischer und/oder empirischer Basis etwa den folgenden Fragestellungen nachge-hen:
• Entstehen angesichts der gegenwärtigen Entwicklung von Transnationalisierungen, von globalen Umweltproblemen, von globalen Erinnerungskulturen und von globalen medialen, ökonomischen und ‚ideologischen‘ Verflechtungen genuin transnationale oder globale Wissensvorräte? Wie lässt sich deren thematische und strukturelle Spe-zifik charakterisieren?
• Lassen sich spezifische institutionelle Kontexte, Organisationen und Diskusformatio-nen beschreiben, die beim Aufbau und bei der Verteilung transnationaler und globa-ler Wissensvorräte eine führende Rolle übernehmen? Welche aufweisbare Relevanz haben oder beanspruchen dabei Expertengemeinschaften?
• Lassen sich spezifische Wissensformen und Wissensakteure ausmachen, die sich als stärker ‚transnationalisierbar’ oder ‚globalisierungsfähig‘ erweisen als andere? Wächst unter den Vorzeichen von Transnationalisierung und Globalisierung professi-onellen Praxen eine besondere Bedeutung zu – oder erodieren unter diesen Vorzei-chen gerade solche Praxen in besonderem Maße?
• Welche Rolle spielen kulturelle und ökonomische Hegemonien und Innovationen, al-te und neue Ungleichheiten, Expertisen und Gegenexpertisen beim Aufbau und bei der Verteilung transnationaler und globaler Wissensvorräte?

Bitte schicken Sie zur Bewerbung für einen Vortrag ein einseitiges Abstract (ca. 1500 – 2000 Zeichen) bis zum 15. April 2010 an
regine.gildemeister@uni-tuebingen.de
und an
Hubert.Knoblauch@tu-berlin.de

Raumkonstruktionen

Internationale Fachtagung „Towards a Communicative Construction of Spaces” 28./29. Mai 2010 am Leibniz-Institut für Regionalentwicklung und Strukturplanung in Erkner (bei Berlin). Organisiert von PD Dr. Gabriela B. Christmann. 

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